Wassily Nowak ein ‹berlebender des Todeszuges, er sprach 2015 in Dachau

Nowak01“Ich Weine”

Dachau  Gedenkfeier 1. Mai 2015   Von Anna-Sophia Lang, Quelle: SZ vom 02.05.2015

Der heute 90-jährige Wassily Nowak erinnert sich an die Fahrt im Todeszug von Buchenwald nach Dachau. Er ist einer der letzten Überlebenden. Am Sonntag nimmt er an der Befreiungsfeier in der Gedenkstätte teil

Am Nachmittag des 29. April 1945 wird das KZ Dachau befreit. Die aus Westen heranr√ľckenden Soldaten der US-Armee machen, noch bevor sie das H√§ftlingslager erreichen, eine Entdeckung, die ihnen fast den Verstand raubt. Ein G√ľterzug steht auf den Gleisen in der heutigen Friedenstra√üe vor dem Tor: der "Todeszug" aus Buchenwald. "Als wir die Schienen √ľberquerten und zur√ľck in die Wagen schauten, bot sich uns das schrecklichste Bild, das ich jemals gesehen hatte", schrieb Leutnant Bill Cowling in einem Brief an seine Familie. "Die Wagen waren voll mit Leichen. Die meisten waren nackt, alle bestanden nur aus Haut und Knochen. Viele hatten Schussl√∂cher im Hinterkopf."

Am 27. und 28. April war der Todeszug in zwei Teilen in Dachau angekommen. 4480 H√§ftlinge waren am 7. April unweit des KZ Buchenwald in Waggons gepfercht worden, schreibt der tschechische Historiker und ehemalige Dachau-H√§ftling Stanislav Z√°meńćn√≠k in "Das war Dachau". Eigentlich, gab SS-Obersturmf√ľhrer und "Transportf√ľhrer" Hans Erich Merbach sp√§ter zu Protokoll, sollten sie ins KZ Flossenb√ľrg gebracht werden. Da das jedoch schon von der amerikanischen Armee eingenommen worden war, fuhr der Zug nach Dachau. Statt den urspr√ľnglich vorgesehenen 24 Stunden dauerte die m√∂rderische Fahrt 21 Tage. Nur zweimal bekamen die H√§ftlinge etwas zu essen. Tausende starben unterwegs an Entkr√§ftung, Hunger und Typhus oder wurden von SS-M√§nnern mit Kolbenschl√§gen ermordet und erschossen. Viele wurden neben den Gleisen verscharrt oder verbrannt. Ein Zug von Sterbenden und Toten erreichte schlie√ülich Dachau. Wie viele H√§ftlinge √ľberlebten, ist bis heute nicht eindeutig gekl√§rt. Nur ungef√§hr 800 √úberlebende lagen zwischen den 2360 H√§ftlingen, die bereits tot waren, sagt Dirk Riedel, Historiker der KZ-Gedenkst√§tte Dachau. Wassily Nowak war einer von ihnen. Heute z√§hlt der 90-J√§hrige zu den letzten √úberlebenden, die noch berichten k√∂nnen.

Eigentlich will er seine Geschichte gar nicht mehr erz√§hlen. "Ich habe schon so viele Interviews gegeben", sagt er. Dann beginnt er doch zu sprechen. Mit 16 Jahren wurde er verschleppt, drei Jahre lang war er in Gefangenschaft. Zweimal floh er, doch jedes Mal sp√ľrte ihn die Gestapo auf. Er kam ins KZ Gro√ü-Rosen, dann nach Mauthausen, Buchenwald und zuletzt Dachau. Immer wieder kommen dem 90-J√§hrigen die Tr√§nen, w√§hrend er erz√§hlt. Dann h√§lt er sein schon ganz zerfranstes Taschentuch fest in den H√§nden und wischt sich damit √ľber die feuchten Augen. Sein Weg nach Dachau begann am 6. April 1945 im KZ Buchenwald. An diesem Tag kam der Befehl, dass alle H√§ftlinge herauskommen sollten. "Wir wollten nicht", erz√§hlt Nowak, "wir dachten, dass wir bald befreit w√ľrden". Der junge Mann geh√∂rte einer Untergrundgruppe an, die versuchte, Informationen √ľber den Verlauf des Krieges zu sammeln. Sie wussten: Das Kriegsende ist nah. "Doch die SS-M√§nner kamen mit Motorr√§dern und Maschinengewehren und trieben uns weg." Wer zu schwach war, wurde sofort erschossen.

Als die Nacht hereinbrach und die H√§ftlinge den Bahnhof in Weimar erreicht hatten, mussten sie in Kohlewaggons einsteigen. Nowak kann sich erinnern, dass sie √ľber Leipzig und Dresden fuhren. "Wir haben nur ein Brot bekommen", sagt er, "f√ľr vier Leute. Wir haben alles sofort aufgegessen, es blieb nichts √ľbrig." Kurz vor der tschechischen Grenze brach Typhus aus. Auch Nowak steckte sich an, bekam hohes Fieber. 41,5 Grad ma√ü ein Arzt sp√§ter bei ihm. Wer im Fieberwahn schrie, wurde erschossen. Es f√§llt Nowak schwer, die Tr√§nen zur√ľckzuhalten. Dann spricht er weiter. "Die Nachrichtendienste der Amerikaner wussten von den Z√ľgen mit H√§ftlingen", sagt er, "immer wieder bombardierten Flugzeuge die Gleise, in der Hoffnung, dass wir entlassen werden. Aber sie wurden einfach immer wieder repariert." In Nammering bei Passau erlebte Nowak, wie mehrere Hunderte Gefangene erschossen wurden. Nach einer endlosen Fahrt kam der Zug in Dachau an, nur wenig sp√§ter sollte das Lager befreit werden. "Die Waggons waren voller Leichen", erinnert sich Nowak, "und dazwischen lagen die, die noch lebten". Er ist zu schwach, um sich auf den Beinen zu halten. "Wir wurden von den H√§ftlingen aus Dachau getragen, man legte uns einfach auf den Boden", sagt er. Die Leichen blieben in den Waggons liegen.

Es dauerte noch lange, bis Nowak in seine Heimat zur√ľckkehren konnte. Fast zwei Monate wurde er nach der Befreiung in Dachau medizinisch behandelt. "Sie haben mich mit dem L√∂ffelchen gef√ľttert, so schwach war ich." Wieder ist der alte Mann den Tr√§nen nahe. Zur√ľck in der Ukraine half er schlie√ülich zwei Jahre lang beim Aufbau mit. Nowak ging zur Eisenbahn und arbeitete bis zu seiner Rente als Lokomotivf√ľhrer.

Am Sonntag nimmt er gemeinsam mit 138 anderen √úberlebenden an der Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkst√§tte teil. Dort wird mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zum ersten Mal ein deutscher Regierungschef sprechen. Au√üerdem werden der belgische Premierminister Charles Michel, niederl√§ndische Parlamentarier und mehrere Botschafter erwartet. Auch Alan Lukens, ehemaliger US-Botschafter, der als junger Soldat bei der Befreiung des KZ Dachau dabei war, wird mit neun weiteren Veteranen teilnehmen. Im Mittelpunkt der Feier stehen die √úberlebenden - wie Wassily Nowak. Mehrmals hat er schon die Gedenkst√§tten in Mauthausen und Dachau besucht. Nicht ohne Stolz reicht er Fotos herum, die dort entstanden sind. Eines zeigt ihn auf der "Todestreppe" von Mauthausen, √ľber deren 186 Stufen er pausenlos Steine hoch schleppen musste. Aber die R√ľckkehr an diese Orte ist f√ľr ihn sehr schmerzhaft. Wassily Nowak sagt nur zwei Worte:"Ich weine."

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Quelle: SZ vom 02.05.2015
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