“So wurde am 11. April 1945 das KZ Buchenwald tatsächlich befreit”

Die SS floh, die HĂ€ftlinge ĂŒbernahmen das Lager, dann kamen die US-Truppen

von Sven Felix Keller    © WeltN24 GmbH 2016.

Legenden ĂŒberwuchern den 11. April 1945. Dabei ist die Wirklichkeit beeindruckend genug: Die SS zog sich zurĂŒck, die HĂ€ftlinge ĂŒbernahmen die Verantwortung fĂŒr das Lager, dann kamen die US-Truppen.
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Foto: Paul Bodot / Association Française Buchenwald-Dora, Paris / Sammlung GedenkstÀtte Buchenwald
Mit Gewehren bewaffnete HĂ€ftlinge bewachen wenige Stunden nach der Befreiung des Lagers Buchenwald am 11. April 1945 gefangen genommene SS-MĂ€nner

Die Geschichte ist einfach zu gut, um wahr zu sein, doch daran störte sich die SED jahrzehntelang nicht. Ihre Lesart ging ungefĂ€hr so: Im Angesicht des eigenen Todes greifen die verbliebenen Insassen des KZs Buchenwald am 11. April 1945 zu den Waffen und wagen den Aufstand gegen die Henkersknechte aus Himmlers "schwarzem Orden". Sie vertreiben ihre Peiniger und ĂŒbernehmen das Lager. Geleitet wird der Aufstand – natĂŒrlich – vom kommunistischen illegalen Lagerkomitee.
Es ist diese Geschichte, die der Bildhauer Fritz Cremer in seinem fast naturalistischen Denkmal auf dem SĂŒdhang des Ettersbergs bei Weimar verewigt hat, an dessen Nordhang der HĂ€ftlingsbereich lag. Doch mit der Wirklichkeit hat diese von Kommunisten bis heute gepflegte ErzĂ€hlung wenig zu tun.
Zwar gab es tatsĂ€chlich ein kommunistisches Lagerkomitee, dessen Mitglieder Widerstand gegen die SS zu organisieren versuchten. Doch seine Rolle ist weniger heroisch, als die SED es glauben machen wollte. NatĂŒrlich kann man den Mitgliedern nicht wirklich einen Vorwurf machen, dass sie Gesinnungsgenossen beim Überleben halfen, sogar wenn das andere HĂ€ftlinge, Juden zum Beispiel, das Leben kostete. Denn schuld daran waren die Verantwortlichen fĂŒr die Hölle auf Erden, die Buchenwald zeit seiner Existenz war. Doch sollte man die Ambivalenz des kommunistischen Widerstandes im Blick behalten.
Am 1. April hat die ARD die Neuverfilmung nach Motiven von Bruno Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen" gezeigt. Darin sind, hÀrter und brutaler als je zuvor in einem deutschen TV-Film, die ZustÀnde im KZ in den letzten Wochen vor dem Kriegsende zu sehen. Auch die Befreiung wird durchaus treffend geschildert. Noch detaillierter sind die Informationen, die auf der Website der verdienstvollen GedenkstÀtte Buchenwald zu finden sind. Sie geben den aktuellen Stand der Forschung wieder.
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Foto: picture-alliance/ ZB Zwei US-Soldaten betrachten einen AnhÀnger mit Leichen von KZ-HÀftlingen vor dem Krematorium in Buchenwald

Das KZ-System befand sich spĂ€testens seit der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 in Auflösung. Hunderttausende HĂ€ftlinge wurden von der SS auf sinnlose TodesmĂ€rsche und Transporte gen Westen geschickt, in andere KZ. Wer zu schwach war, die Strapazen zu ĂŒberstehen, starb am Rand der Marschkolonnen oder wurde erschossen. Lager wie Mauthausen bei Linz, Sachsenhausen bei Berlin, Bergen-Belsen in der LĂŒneburger Heide oder eben Buchenwald schwollen durch die Überlebenden stark an.
Als die Truppen der amerikanischen 3. Armee sich Weimar immer weiter nĂ€herten, wurde die SS auch in Buchenwald nervös. Zwar wurden noch einmal mehr HĂ€ftlinge ins Stammlager auf dem Ettersberg gebracht, nĂ€mlich mehr als 13.000 aus dem westlich gelegenen Außenlager Ohrdruf. Gleichzeitig aber begann die Vorbereitung fĂŒr eine Evakuierung des Lagers in andere KZ.
Einerseits wollte SS-Chef Heinrich Himmler die Gefangenen als Faustpfand fĂŒr Verhandlungen mit den westlichen Alliierten benutzen, andererseits hatten gerade die Verantwortlichen vor Ort vor, möglichst viele von ihnen als Zeugen ihrer Verbrechen umzubringen. Die beiden Ziele blockierten einander.
Am 6. April 1945 zÀhlte das Hauptlager etwa 47.500 HÀftlinge. 22.900 waren in den Baracken des Hauptlagers auf engstem Raum untergebracht, 18.000 mussten in den PferdestÀllen des Kleinen Lagers dahinvegetieren. 6600 Juden hatte die SS auf einem nahe gelegenen FabrikgelÀnde zusammengetrieben, um sie auf einen Todesmarsch zu schicken.
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Foto: picture alliance / Everett Colle   Ein Überlebender des KZ Buchenwald sagt einem
SS-Mann dessen Verbrechen auf den Kopf zu

Ab dem folgenden Tag verließen bis zum Nachmittag des 10. April rund 28.000 HĂ€ftlinge in Marschkolonnen das Lager. Ziele waren die KZ Dachau und FlossenbĂŒrg sowie das Getto Theresienstadt. Auch auf diesen MĂ€rschen kamen Tausende geschwĂ€chte und unterernĂ€hrte Menschen um. Etwa 21.000 Mann blieben im Lager.
Zur selben Zeit befanden sich die vordersten US-Panzereinheiten noch knapp 50 Kilometer westlich von Buchenwald. Angesichts des inzwischen verbreitet geringen Widerstandes deutscher Truppen war es realistisch, dass am folgenden Tag Weimar besetzt werden wĂŒrde. Nach wenigen Stunden Ruhe rĂŒckten die US-Panzer weiter vor.
Am Morgen des 11. April befahl der Lagerkommandant, SS-OberfĂŒhrer Hermann Pister, die beiden LagerĂ€ltesten Hans Eiden und Franz Eichhorn zum Turm A. Als Verantwortliche der HĂ€ftlingsselbstverwaltung hatten sie sich in einer besonders schwierigen Situation befunden: Um möglichst vielen HĂ€ftlingen das Leiden im KZ wenigstens minimal ertrĂ€glicher zu machen, mussten sie der SS bei der UnterdrĂŒckung helfen.
Jetzt aber kĂŒndigte Pister den beiden HĂ€ftlingsfunktionĂ€ren an, dass die SS sich zurĂŒckziehen werde. Ihnen sei die Verantwortung fĂŒr das Lager ĂŒbertragen. Offenkundig wollte der SS-Offizier, der seit Ende 1941 unzĂ€hlige Verbrechen in Buchenwald zu verantworten hatte, keinesfalls den US-Truppen in die HĂ€nde fallen.
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Foto: picture alliance / Everett Colle Ein Überlebender des KZ Buchenwald wenige Tage nach der Befreiung

Als um zehn Uhr die US-Truppen keine 20 Kilometer mehr entfernt waren, forderte eine Lautsprecherdurchsage alle SS-Angehörigen auf, das Lager zu verlassen. Das illegale Lagerkomitee gab das Signal, die wenigen versteckten Waffen zu holen. Nun gab es zwei Ziele: Falls noch SS-Leute HĂ€ftlinge töten wollten, sollte das verhindert werden. Und außerdem wollte das Komitee möglichst viele TĂ€ter gefangen nehmen.
Gegen Mittag hatten sich die SS-Einheiten weitgehend abgesetzt, gerieten aber in Gefechte mit den rasch vorstoßenden US-Panzern. Um 14.45 Uhr befahl das Lagerkomitee die Besetzung des Turms A, des Haupteingangs zum HĂ€ftlingsbereich. Eine Viertelstunde spĂ€ter war das gesamte KZ in der Hand der HĂ€ftlinge. Kaum ein Schuss war gefallen. Gegen 16 Uhr zog das Lagerkomitee eine erste Bilanz: 76 SS-Leute waren gefangen genommen worden, alle Tore kontrollierten die Mitglieder der Widerstandsorganisation.
Nun trat eine neue provisorische Lagerleitung zusammen, bestehend aus Vertretern von zehn verschiedenen Nationen. Das KZ war befreit – durch AbrĂŒcken der SS und durch die disziplinierte Übernahme der Verantwortung durch das Lagerkomitee. GekĂ€mpft worden war nicht.
Erst danach, etwa gegen 17 Uhr, traf ein Jeep mit zwei GIs ein. Leutnant Emmanuel Desard und Sergeant Paul Bodot gehörten zur 4. US-Panzerdivision. Ihre Einheit war sĂŒdlich stationiert und an den KĂ€mpfen mit der SS außerhalb des Lagers nicht beteiligt gewesen. Erst nach ihnen kamen Angehörige einer anderen US-Einheit in Buchenwald an. So schnell wie möglich wurden SanitĂ€tseinheiten angefordert, um den vielen Tausend entkrĂ€fteten Menschen, vor allem im Kleinen Lager, zu helfen.

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